Lesen-Schreiben-Rechnen: Welt-Autonomie-inklusiv-exklusiv

Im Prolog des Johannes-Evangeliums heißt es im 1. Kapitel, 1-5 (Einheitsübersetzung):

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt.

Das Wort  (gr.: Logos) nimmt hier Bezug auf das vorweltliche, göttliche Sein. Aus ihm entsteht alles was existiert, auch die Würde des Menschen und aus seiner besonderen Würde entspringen seine Rechte.

Wer Analphabet ist oder Dyskalkuliker oder Legastheniker kann sich weder die Welt optimal erschließen, noch sich des in ihm befindlichen präexistenten Lichtes seiner Würde selbstbewußtseinsmäßig gänzlich gewahr werden. Der Welttag des Analphabetismus ist jedes Jahr am 08. September. Unsere Umwelt und besonders die Schulsysteme in den Industrie- und Schwellenländern, ausgenommen vielleicht Schweden, Norwegen, Finnland, Neuseeland und Kanada und vielleicht einige engagierte Pädagogen und Schulen, vermögen systembedingt nicht, solchen betroffenen Menschen als Geburtshelfer ihrer Würde zu dienen. Das hat etwas mit mangelnder Qualifikation vieler Pädadagogen, Scham und Unkenntnis vieler Eltern, dem vorgegebenen (kurzfristig wirksamen) Spardiktat unter das die öffentlichen Haushalte künstlich gesetzt werden (und später viel mehr bezahlen müssen, um die frühen Versäumnisse auszubügeln im Strafvollzug und sozialen Transfergeldern, die die Menschen aber selten wieder inkludieren), sowie dem pädagogischen Leitsatz der Leistungsgerechtigkeit und Orientierung an einem imaginären „Leistungsmittelwert“,  an dem sich zwanghaft zu orientieren ist, zu tun.

Zur Zeit lese ich Jonas Jonasssons Buch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, direkt im Anschluß an „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“.

Am Anfang bringt Jonasson die fundamentale Bedeutung der Grundfertigkeiten des Lesens und Rechnens wunderbar und bewegend auf den Punkt, wenn er beschreibt, wie die wahrscheinlich hochintelligente, auf sich gestellte, selbstbewußsste 15-jährige Nombeko Mayeki, die sowohl ihrem Chef in der Latrinenträger-Gruppe im Rechnen, als auch ihrem rassistischen weißen 23-jährigen Chef und Berufsneuling Piet du Toit, der sich im Soweto der „Kaffer“ (O-Ton du Toit) mit einem Leibwächter umgibt, hochhaushoch überlegen ist. Bald wird sie selber Chefin der Gruppe, bis sie du Toit nachweist, das dieser ihr zu Unrecht vorgeworfen hat, ihr Budget überzogen zu haben.  Es folgt die Entlassung. Arroganz, Selbstgefälligkeit, Borniertheit und verbrecherische Unmenschlichkeit lassen die Buren alle Dunkelhäutigen zu „Analphabeten“ degradieren, verbal und sozial. Apartheid pur.  Nombeko ist wehrhaft, hart, direkt, mutig, neugierig und kraftvoll.  Rechnen bringt sie sich selber bei, Lesen und Schreiben lernt sie, unter Androhung von Gewalt, von dem alten Thabo, dessen sexuelle Belöstigung sie erfolgreich abwehrt, der aber ein Bücherfreak ist. Anstatt sich unterkriegen zu lassen, nimmt sie allen Mut und ihre sieben Sachen zusammen und macht sich auf den Weg in die Johannesburger Nationalbibliothek. Eine Schwarze, die sich auf dem Weg in die Nationalbibliothek macht. Nombeko durchbricht ein Tabu, ein Sakrileg.

Du Toit bringt die Bewertung von Nombekos Verhalten auf den Punkt, wenn er schreibt „Kapierte dieses Mädchen nicht, wo ihr Platz war? Wo kämen wir da hin, wenn jeder X-Beliebige entscheiden könnte was richtig und falsch ist“ (Jonas Jonasson,  Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (mit einer Leseprobe von Die Analphabetin, die rechnen konnte), carl’s books, 428).

Die inklusive, revolutionäre und Autonomie formende Kraft des Lesens  und Rechnens bzw. umgedreht die exklusive, ausgrenzende Kraft des Mangels dieser Fähigkeiten oder Schwierigkeiten im Umgang damit bringt der Autor in genialer Weise zu Papier.

Ein anregendes und mutmachendes Buch zu einem drängenden und alarmierenden Thema!

 Es lebe die Kraft der (scheinbar) Schwachen !!! Jede Verweigerungshaltung in diesem Bereich und verschanzen hinter Formeln, Vorschriften und Gesetzen als Erklärung für Nichtstun und Erhaltung des Status Quo ist sowohl eine systematische Zementierung sozialer Selektivität und ein systematischer Anschlag auf die Würde der Betroffenen! Es kann, muss und soll gehandelt werden, jetzt! Eine Gesellschaft und ihr Gemeinwesen haben alles zu tun und jeden vorhandenen Pfennig in die Hand zu nehmen, um zu probieren, dass ein/e Jede/r immer wieder sich in ihre Mitte zurück integrieren kann.

(Karsten Steil-Wilke, 09. Januar 2014, 13:20 h)

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Spiritualität der Kleinen und des Kleinen

Weihnachten 2013 Emil Nolde Heilige Nacht

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Dich
hat der himmel geschickt
kleines Menschenkind von bethlehem
geboren in armut
verkündet den einfachen
leuchtende liebe
göttlich strahlendes licht
in all unsere finsternisse
schon am anfang
osterlicht des sieges
über die dunklen mächte
die leben mindern und rauben

so geht er den weg
der mann aus galiläa
der gesalbte der christus
mit seiner vor-liebe für kranke und gekränkte
heilende begegnung – für gestörte, verstörte, zerstörte
sättigende nähe – für unersättlich lebenshungrige
befreiende tat – für angstgefangene und befangene

gelegt auf die erde – die oft so harte
am ende
gelegt in die erde – samenkorn
gewandelte lebensfülle

so geht er den weg
der endgültig gesandte des EINEN
der sohn mit der botschaft der liebe
wir – in seinen spuren
seit tauftagen
seinen namen tragend
in seiner lernschule ein leben lang
noch immer
und
sendboten des himmels
heute und morgen
dich hat der himmel geschickt

(Christoph Wurbs, aus: Karmelimpulse, Quartalsschrift zur Vertiefung des geistlichen Lebens in, Herausgegeben vom Teresoanischen Karmel in Deutschland, 23. Jahrgang, IV/2013, Seite 13)

***

„Gott segne dich mit Unbehagen an einfachen Antworten, Halbwahrheiten und oberflächlichen Beziehungen, damit du tief in und mit deinem Herzen leben wirst. Gott segne dich mit Wut auf Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen, damit du dich für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden einsetzen wirst. Gott segne dich mit Tränen für diejenigen, die leiden unter Schmerzen, Ablehnung, Hunger und Krieg, damit deine Hand sie trösten kann und damit ihre Schmerzen in Freude verwandelt werden. Und Gott segne dich mit der Torheit zu glauben, dass man etwas verändern kann in der Welt, damit du das tun wirst, von dem andere behaupten, man können es nicht tun, damit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit für alle unsere Kinder und die Armen Wirklichkeit werden wird.“

(Heiliger Franz von Assisi)

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Behüte, HERR, die ich dir anbefehle,

die mir verbunden sind und mir verwandt.

Erhalte sie gesund an Leib und Seele

und führe sie an deiner guten Hand.

Sie alle, die mir ihr Vertrauen schenken

und die mir soviel Gutes schon getan.

In Liebe will ich dankbar an sie denken,

o Herr, nimm dich in Güte ihrer an.

Um manchen Menschen mache ich mir Sorgen

und möchte helfen, doch ich kann es nicht.

Ich wünsche nur, er wär’ bei dir geborgen

und fände aus dem Dunkel in dein Licht.

Du ließest mir so viele schon begegnen,

so lang ich lebe, seit ich denken kann.

Ich bitte dich, du wollest alle segnen,

sei mir und ihnen immer zugetan.

(Lothar Zenetti)

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“ Monasticism has been traditionally associated with the ´old christian wisdom´ of patristic and medieval times. We have to begin to speak of the need of a rebirth of Christian wisdom in new forms, for the birth of a new wisdom. As the church breaks free of its rigid cultural shell, it rediscovers its identity and essential elements, with, ´at the center´. Western monasticism, likewise, is invited to break free of its cultural container to discover its inner identity and wellspring, and at the same time to discover a new relationship with everything around it: Church and world, humanity and cosmos. Put briefly, monasticism must open to the experience of human persons in the world today. “
(from the Calendary of New Camaldolese Hermitage, Big Sur, USA)

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– Dossier über den Islam im Großherzogtum Luxemburg:

DieMuslime und der Islam im Großherzogtum Luxemburg

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Wo sollen wir Stille finden ?

Wo gibt es noch Orte der Stille ? Die Wüste ist weit weg…
Wenn das kontemplative Leben nur hinter Klostermauern
oder im Schweigen der Wüste möglich wäre,
dann müssten wir, um gerecht zu sein,
jeder Familienmutter ein kleines Kloster geben
und den Luxus einer kleinen Wüste dem Hilfsarbeiter,
der im Lärm einer Stadt Leben muss,
um hart sein Brot zu verdienen.
So sieht die Wirklichkeit aus,
in der viele, die meisten Menschen leben.
Wenn du nicht in die Wüste gehen kannst,
musst du dennoch in deinem Leben Wüste machen.
Bring ein Stück Wüste in dein Leben,
verlass‘ von Zeit zu Zeit die Menschen,
such die Einsamkeit,
um im Schweigen und anhaltenden Gebet deine Seele zu erneuern !
Das ist unentbehrlich !
Das bedeutet ‚Wüste‘ in deinem geistlichen Leben.
Eine Stunde am Tag,
einen Tag im Monat, acht Tage im Jahr,
länger, wenn es nötig ist,
musst du alle und alles verlassen,
um dich allein mit Gott zurückzuziehen.
Wenn du das nicht suchst,
wenn du das nicht liebst, mach dir keine Illusionen.
Anders wirst du nie zum kontemplativen Gebet kommen.
Denn nicht allein sein wollen-
obwohl man es könnte-,
um die innige Nähe Gottes zu kosten,
ist ein Zeichen, dass es an dem Grundelement
der Beziehung zum allmächtigen Gott fehlt : an der Liebe.
Ohne Liebe aber ist keine Offenbarung möglich.

(aus : Carretto, Carlo, Deine Stadt ist deine Wüste – Geistliche Erfahrungen, Freiburg/ Breisgau-Basel-Wien (Herder) 1979 // Carlo Carretto, 1910-1988, ‚Kleiner Bruder Jesu‘ (Orden, von Charles de Foucauld gegründet), katholischer Schriftsteller, Mystiker)